Sebastian Virdung (um 1465 – nach 1511)

Virdung wurde geboren in Amberg in der Oberpfalz (Bayern). Ende 1483 immatrikulierte er sich in Heidelberg und erhielt neben dem Universitätsstudium (wohl Jura) eine musikalische Ausbildung bei dem berühmten Sänger und Arzt Johannes von Soest. Spätestens seit 1483 gehörte er zur Hofkapelle des pfälzischen Kurfürsten Philipp in Heidelberg. Vom Kurfürsten mit zwei wohldotierten Pfarren in Bayern belehnt, scheint er doch weiterhin in Heidelberg tätig gewesen zu sein, bis er zum Jahreswechsel 1505/06 den Dienst quittierte. Nach einem kurzen Intermezzo bei der Württembergischen Hofkapelle in Stuttgart erhielt er 1507 eine Stelle an der Domkantorei zu Konstanz; zu seinen Aufgaben gehörte „componiren oder die knaben contrapunct leren“. Aber auch mit dieser Anstellung war es nach einem Jahr vorbei, da er „irrig vnd mit den knaben unfleissig sye“. 1510 war er auf dem Reichstag zu Augsburg; dort weckte er das Interesse des musikinteressierten Straßburger Bischofs Wilhelm von Hohnstein an seiner im Entstehen begriffenen großen musiktheoretischen Schrift (er nannte sie „mein gedicht der deutschen musica“) und dürfte eine materielle Zuwendung erhalten haben. Da sich die Arbeit an dem großen Werk noch hinzog (es ist leider nie fertig geworden) und wohl um dem Bischof für seine Unterstützung wenigstens irgendetwas präsentieren zu können, brachte Virdung 1511 in Basel einen kleinen Teil, der ausschließlich verschiedene Aspekte der Instrumentalmusik behandelte, heraus und widmete ihn dem Bischof: Musica getutscht und außgezogen (Musica deutsch und als Auszug). Danach verlieren sich Virdungs Spuren.

Andreas Silvanus und Sebastian Virdung
Die Dialogpartner der „Musica getutscht und außgezogen“: links Andreas Silvanus, rechts Sebastian Virdung. Abbildung aus dem Buch.

Musica getutscht und außgezogen ist die älteste gedruckte Abhandlung überhaupt zum Thema Instrumentalmusik. Sie verfolgt einen ziemlich modernen didaktischen Ansatz: Sie ist in deutscher Sprache abgefasst, also nicht nur für ein akademisch gebildetes Publikum, und sie hat die Form eines Dialogs zweier Freunde, also keines reinen Unterrichtsgesprächs von Lehrer und Schüler. Die Abhandlung wird durch zahlreiche Illustrationen unterstützt (auch wenn diese gelegentlich an Exaktheit und Originaltreue zu wünschen übrig lassen), und lädt zum Selbststudium ein.

Das kleine Buch erschien in den nächsten Jahrzehnten auch in anderen Sprachen. Der Humanist Ottmar Luscinius, der Virdung vermutlich auf dem Reichstag in Augsburg kennengelernt hatte, übersetzte es ins Lateinische; im Jahr 1536 erschien die Übersetzung mit den Original-Illustrationen als Teil eines größeren Werks Lucinius‘ (interessanterweise hatte er das Manuskript der Übersetzung bereits 18 Jahre vorher, 1518, fertig). 1529 erschien eine französische, 1568 eine niederländische Übersetzung. Eine weitere wichtige deutschsprachige Quelle zur Instrumentalmusik des 16. Jahrhunderts, die 1529 erstmals erschienene Musica instrumentalis deudsch von Martin Agricola, baut auf Virdung auf und verwendet seine Abbildungen.

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