Die Anfänge der gestrichenen Musik

Zuerst war der Bogen

Afrikanischer Mundbogenspieler im Bundesstaat Cross River in Nigeria um 1910.
Afrikanischer Mundbogenspieler im Bundesstaat Cross River in Nigeria um 1910.

Angeregt durch den Jagdbogen entstand als erstes Streichinstrument der Mundbogen. Die älteste Abbildung ist eine altsteinzeitliche Höhlenmalerei in Frankreich. Das Ende eines kleinen Bogens wird an den Mund gelegt, seine Sehne dient als Saite und wird mit einem zweiten Bogen angestrichen, durch Änderung der Spannung des Mundbogens kann man die Töne variieren. Als Resonanzraum wirkt die Mundhöhle – ein Prinzip, wie es ähnlich bei der Maultrommel verwendet wird. Heutzutage wird der Mundbogen meist gespielt, indem mit einem Stäbchen auf die Saite geschlagen wird.

Früheste bekannte Darstellung eines Rebec-Spielers (?), byzantinische Elfenbeinschnitzerei, um 1000, Museo Nazionale, Florenz.
Früheste bekannte Darstellung eines Rebec-Spielers (?),
byzantinische Elfenbeinschnitzerei, um 1000, Museo Nazionale, Florenz.

In Zentralasien wurden im 6. Jahrhundert vermutlich mit Reibestäbchen gespielte Lauten verwendet, im 8. Jahrhundert findet sich die früheste Überlieferung einer mit Streich­bogen gespielten Zither. Auf einer armenischen Glasvase aus dem 9. oder 10. Jahrhundert sieht man die Abbildung eines Musikers, der ein Streichinstrument in geigenähnlicher Hal­tung spielt.

In Europa finden sich die ersten Belege für Streichinstrumente (Fidel und Rebec) im 11. Jahrhundert. Das Rebec ist nachweislich aus dem arabischen Raum zu uns gekommen, es stammt unmittelbar von der arabischen Rebab ab. Fidel und Rebec sind der Aus­gangs­punkt für die Entwicklung der Geigen- und der Gamben­familie.

Drehleier

Mittelalterliche Drehleier (alte Bezeichnung: Organistrum).
Mittelalterliche Drehleier (alte Bezeichnung: Organistrum).

Bei der seit dem 10. Jahrhundert dokumentierten Drehleier werden die Saiten durch ein Rad, das mit Kolophonium bestrichen ist, zum Schwin­gen gebracht. Sie war besonders in der Renaissance bis in die Romantik sehr beliebt und wird heute noch als Instrument in der Volksmusik eingesetzt.

Schlüsselfidel

Nyckelharpa, Schweden.
Nyckelharpa, Schweden.

Die Schlüsselfidel, heute noch als Volksmusikinstrument im Norden Europas unter ihrem schwedischen Namen „Nyckelharpa“ beliebt, ist seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Sie wird mit dem Bogen gestrichen, die Saiten werden aber durch eine Tastatur (Nyckel = Schlüssel bzw. Taste) „gegriffen“.

Armfidel


Kastenfideln
Anonym, Lamento di Tristano (14. Jahrhundert)
Ausführende: Medelike Consort

Fideln, die an der linken Schulter abgestützt wurden, gab es in vielen unterschiedlichen Formen. Größere Instrumente wur­den vor der Brust oder zwischen den Knien gehalten. Sie hatten meist 3–5 Darmsaiten, die Stimmung variierte stark. Gebräuchlich war Quart- oder Quint-Stimmung, aber auch viele andere Stimmungen kamen vor. Ein von mir sehr geschätzter Fach­mann für Alte Musik schrieb einmal einen A2-Bogen Papier voll mit möglichen Stim­mun­gen, ohne den An­spruch zu erheben, das Thema restlos ausgeschöpft zu haben. Es liegt also die (nicht wissen­schaftliche) Vermutung nahe, dass jeder Musikant die für ihn be­quemste Stimmung wählte. Manche Instrumente hatten neben den Melodie- auch noch Bordunsaiten in Grundton, Terz und/oder Oktave.

Musiker mit Fidel und Traversflöte, „Der Kanzler“, Codex Manesse, 14. Jahrhundert.
Musiker mit Fidel und Traversflöte, „Der Kanzler“, Codex Manesse, 14. Jahrhundert.
Engel mit Kastenfidel, Gloucester Cathedral, ca. 1280.
Engel mit Kastenfidel, Gloucester
Cathedral, ca. 1280.
Musiker mit Armfidel und Citole, Cantigas de Santa Maria, 13. Jh.
Musiker mit Armfidel und Citole,
Cantigas de Santa Maria, 13. Jh.

Rebec


Rebec und Rankett
Moniot d’Arras, Ce fue en mai (1235)
Ausführende: Gertraud Umlauft, Ulrich Alpers

Rebec, Musica getutscht und außgezogen, Sebastian Virdung, 1511.
Rebec, Musica getutscht und außgezogen, Sebastian Virdung, 1511.

Das Rebec ist meist 3-saitiges Streichinstrument mit i.d.R. birnen- oder bootsförmigem Korpus. Verwandte Instrumente kommen heute in vielen Ländern des östlichen Mit­tel­meerraums und Arabiens vor, unter verschiedenen Namen: Re­bec, Rabab, Rubebe, Kemence u.a.
Die Größe des Rebec variierte vom kleinen Diskant- bis hin zum großen, mit den Knien gehal­tenen Bassinstrument. Korpus und Hals waren im Unterschied zur Violine keine getrennten Bauteile, sondern wurden aus einem Stück Holz geschnitzt. Aufgrund der Wandstärke und Form sowie des Fehlens eines Stimmstocks ist der Korpus, verglichen mit der Violine, weniger leicht zu Schwingungen anzuregen. Dadurch ist der Klang relativ leise und fein.
Bei Virdung, Agricola und Praetorius wird das Rebec als „kleine Geige“ bezeichnet, wobei Praetorius als einziger auch eine Reminiszenz an den alten Namen gibt („Rebecchino“), wenn er auch irrtümlich (?) eine „herkömmliche“ Dis­kant­violine so bezeichnet. Ansonsten nennt er auch die Bezeichnungen „Poschen“ bzw. „uff Frantzösisch Pochetto genant“, was einen Hinweis dar­auf gibt, dass man das Instrument wegen seiner Robustheit einfach in die Tasche (frz. poche) stecken konnte. Im 17. und 18. Jahrhundert war eine kleinere und schlankere Weiterentwicklung des Diskant-Rebecs in Mode, die sog. Tanzmeistergeige oder Pochette, ein Instrument, das ein Tanzlehrer flugs aus der Rocktasche hervorziehen konnte, um sich und seine Schüler beim Tanzen zu begleiten. Der Klang war zwar recht mager, aber für Unterrichtszwecke reichte es aus.

Engel mit Rebec, Ausschnitt aus „La Vierge entre les Vierges“, Gérard David (1450-1523).
Engel mit Rebec, Ausschnitt aus „La Vierge entre les Vierges“, Gérard David (1450-1523).
Musiker mit Rebec, Miniatur aus den Cantigas de Santa Maria, 13. Jahrhundert.
Musiker mit Rebec, Miniatur aus den Cantigas de Santa Maria, 13. Jahrhundert.
Musiker mit Rebec, Passionale, 1. Viertel 12. Jahrhundert.
Musiker mit Rebec, Passionale, 1. Viertel 12. Jahrhundert.
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