Heinrich Isaac

HEINRICH ISAAC (andere Namensformen: Ysaac, Ysac, Ysach; in Italien auch Arrigo il Tedesco [Heinrich der Deutsche] oder Arrigo d’Ugo [Heinrich, der Sohn von Hugo] wurde um das Jahr 1450 in Flandern geboren. Abgesehen von der Tatsache, daß sein Vater Hugo hieß und im Februar 1489 starb, liegt seine Herkunft im Dunkeln. Auch über seine musikalische Ausbildung ist nichts bekannt. Jedenfalls scheint er um 1484 bereits so berühmt gewesen zu sein, daß er das Interesse von Lorenzo de‘ Medici, genannt „Il Magnifico“ (der Prächtige) in Florenz weckte, der ihn als Sänger für den Dom anwarb.

Das erste sichere Dokument ist ein Zahlungsbeleg vom 15.9.1484, eine Zahlung an „Hainrichen ysaac Componisten“ am Hof von Siegmund dem Münzreichen, Herzog von Tirol, in Innsbruck; vermutlich hielt sich Isaac auf der Durchreise einige Zeit dort auf und betätigte sich kompositorisch. Ab dem Jahr 1585 war er in Florenz als Mitglied der Sängergruppe „Cantori di San Giovanni“ am Dom aktenkundig, im folgenden Jahr zusätzlich auch als Sänger an der Kirche „Sanctissima Annunziata“.

Zu Lorenzo de‘ Medici hatte Isaac ein enges und vertrauensvolles Verhältnis. Lorenzo vermittelte ihm seine spätere Ehefrau, Bartolomea Bello. Isaac unterrichtete die Söhne Lorenzos, darunter Giovanni, den späteren Paps Leo X., in Musik und schrieb Musik zu einigen von Lorenzos Gedichten.

Leider kamen die glücklichen Zeiten jäh zum Ende – im April 1492 starb Lorenzo unerwartet, nur 43-jährig. Isaac schrieb aus diesem Anlaß zwei Motetten zu Texten des gleichfalls mit Lorenzo befreundet gewesenen Angelo Poliziano.

Isaac reiste im Herbst 1492 im Gefolge von Lorenzos Sohn Piero nach Rom zur Papstkrönung von Alexander VI. In Florenz wurde die Lage etwas ungemütlich – neben dem wachsenden Einfluß des Bußpredigers Girolamo Savonarola (den übrigens Lorenzo im Jahr 1490 selbst nach Florenz geholt hatte) trugen auch allgemeiner wirtschaftlicher Niedergang, der Einmarsch der Franzosen in Italien und die politische Unfähigkeit von Piero dazu bei, daß die öffentliche Meinung sich allmählich gegen die Medici wandte. 1493 wurde die Gruppe „Cantori di San Giovanni“ aufgelöst, und Isaac trat in die privaten Dienste von Piero de‘ Medici; dieses Dienstverhältnis blieb von kurzer Dauer – 1494 wurden die Medici aus Florenz vertrieben, und Isaac stand ohne Chef da. Nach längerer Vorbereitung verließ er die Stadt und wandte sich nach Pisa.

Dort hielt sich im Herbst 1496 nach einem recht dilettantischen und folgerichtig gescheiterten Versuch, die Franzosen aus Italien zu vertreiben, der römisch-deutsche König und spätere Kaiser Maximilian I. auf. Flämische Musiker genossen an Fürstenhöfen einen hervorragenden Ruf (vergleichbar dem von brasilianischen Fußballprofis in europäischen Sportclubs heute), und der musikbegeisterte Maximilian dürfte hocherfreut gewesen sein, einem solchen Musiker ohne Anstellung zu begegnen, und nahm Isaac als Hofkomponisten in seinen Dienst. Gleichzeitig löste er seine Kapelle in Augsburg auf und holte Teile davon nach Wien, wohl um seine besten Musiker an einem Ort zu haben, wenn man schon so einen hervorragenden Komponisten hatte. („Wir haben Hansen Kerner, unsern obersten Caplan und Cantor mitsambt 12 Knaben und Gesellen darzue den Ysaak und sein Hausfraw gen wien verordnet.“ Aktenvermerk vom 13.11.1496) Umgehend begaben sich Isaac und seine Frau nach Wien. Im April 1497 unterschrieb Isaac in Innsbruck sein Dienstgelöbnis als „Componist und diener“. Das Dienstverhältnis hinderte ihn aber nicht daran, auch die Verbindung nach Florenz aufrechtzuerhalten – er erhielt vom dortigen Spital „Santa Maria Nuova“ nach einem Vertrag aus dem Jahr 1499 regelmäßig Korn, Wein, Olivenöl und Pökelfleisch geliefert (als Gegenleistung für eine beträchtliche Geldzahlung).

In den folgenden Jahren war Isaac im Gefolge Maximilians viel unterwegs in Österreich und Süddeutschland. Ab 1502 lebte er allerdings wieder hauptsächlich in Florenz – es hatte schon Vorteile, nicht Hofkapellmeister zu sein (als solcher hätte er bei König und Kapelle sein müssen), sondern Hofkomponist (komponieren kann man überall). Im gleichen Jahr bewarb er sich allerdings um die Leitung der Hofkapelle des Herzogs Ercole I. d’Este in Ferrara. In der engeren Wahl war außer ihm auch Josquin Desprez. Einer der mit der Auswahl befaßten Agenten, Gian de Artiganova, schrieb im September 1502 an den Herzog:
„Ich muss Euer Gnaden mitteilen, dass Isaac der Sänger in Ferrara gewesen ist und eine Motette über eine ‚La mi la sol la sol la mi‘ betitelte Fantasie geschrieben hat; diese ist sehr gut, und er schrieb sie in zwei Tagen. Daraus kann man nur schließen, dass er sehr schnell in der Kunst der Komposition ist; im übrigen ist er gutartig und umgänglich. … er hat sich die Zeit von einem Monat für die Antwort ausbedungen, ob er dienen will oder nicht. Wir haben … ihm 10 Dukaten pro Monat versprochen … Mir scheint er gut geeignet, Euer Gnaden zu dienen, besser als Josquin, weil er zu seinen Musikern von liebenswürdigerem Wesen ist und öfter neue Werke komponieren will. Dass Josquin besser komponiert, ist richtig, aber er komponiert, wenn er es will und nicht, wenn man es von ihm erwartet, und er verlangt 200 Dukaten als [Jahres-]Lohn, während Isaac für 120 kommen will …“.

Der Herzog entschied sich dann trotz des schwierigeren Wesens und der deutlich höheren Gehaltsforderung für Josquin.

Im folgenden Jahr, 1503, kam Maximilians Sohn Philipp der Schöne aus Burgund mitsamt seiner Hofkapelle unter Leitung von Pierre de la Rue und mit u.a. den Mitgliedern Alexander Agricola und Antonius Divitis in Innsbruck zu Besuch. Isaac komponierte zu diesem Anlaß die Missa „Virgo prudentissima“ und war mit der Wiener Hofkapelle anwesend, des weiteren der Hoforganist Paul Hofhaimer und möglicherweise Jacob Obrecht auf der Durchreise nach Italien – ein seltenes „Gipfeltreffen“ einiger der berühmtesten Komponisten ihrer Zeit.

Von April bis Juli 1507 fand in Konstanz ein Reichstag statt, auf dem Maximilian sich u.a. von den Reichsständen (Kurfürsten, Landes- und Stadtherren usw.) die – v.a. finanzielle – Unterstützung für seine Reise nach Rom, um sich dort vom Papst zum Kaiser krönen zu lassen, einholen wollte, ferner für die Zurückdrängung der Franzosen aus Italien und schließlich für einen Kreuzzug gegen die Türken. Mit dabei waren die Hofkapelle sowie der Hoforganist Hofhaimer und der Hofkomponist Isaac. Für den Reichstag komponierte Isaac zur Eröffnung und Begrüßung der Teilnehmer die Motetten „Sancti Spiritus assit nobis gratia“ und „Imperii proceres“, ferner die gewaltige Staatsmotette „Virgo prudentissima“.

Maximilian reiste nach dem Reichstag zwar romwärts ab, allerdings reichte das Geld für den ansehnlichen Troß nur bis Norditalien, auch wollten die Venezianer ihn nicht durchlassen; so fand die Kaiserkrönung durch einen päpstlichen Legaten 1508 in Trient statt, wohl recht schmucklos.

Ebenfalls 1508 schlug der Wiener Hofkapellmeister und spätere Bischof von Wien, Georg Slatkonia, dem Konstanzer Domkapitel vor, Isaac mit der Komposition von Motetten zum Mess-Proprium aller Hauptfeste (d.h. aller Sonntage und was dazwischen so anfällt) des Kirchenjahres zu beauftragen. Dieses Werk, sein größtes, mit dem Titel „Choralis Constantinus“ war ein Jahr später vollendet. Allerdings hat Isaac den Druck seines Werkes nicht mehr erlebt; sein Schüler Ludwig Senfl hat die Druckausgabe vorbereitet, aber auch er war schon lange verstorben, ehe es in den Jahren 1550 bis 1555 endlich in Nürnberg herauskam.

1510 verlieh der Kaiserhof Isaac Landgüter im Val Policella bei Verona; möglicherweise sollten deren Einkünfte als Ersatz für bar zu zahlendes Salär dienen. Isaac lebte weiterhin in Florenz und nahm offenbar für den Kaiser bei den 1512 zurückgekehrten Medici diplomatische Aufgaben wahr (Isaac sei „uns in Florenz nutzer dann an unserm Hof“) – und, wie gesagt, Kompositionen schicken konnte er auch von Florenz.

1513 wurde sein früherer Schüler Giovanni de‘ Medici, Sohn von Lorenzo dem Prächtigen, zum Papst gewählt und nannte sich Leo X. Aus Anlaß des Antrittsbesuchs des kaiserlichen Gesandten Matthäus Lang 1513/14 komponierte Isaac die große Staatsmotette „Optime pastor“. Der Besuch diente sicherlich auch der Versicherung, daß man in der insgesamt instabilen und wechselhaften politischen Lage zwischen den Mächten Kaiser, Papst, Venedig und Frankreich (nebst weiteren) auf derselben Seite stand; und wer konnte die Gemeinsamkeit besser betonen als Isaac, der kaiserliche Hofkomponist, der mit dem Papst seit dessen Kindheit persönlich bekannt war? Insofern kann diese Motette, in der das gemeinsame Interesse des Kampfes gegen die Türken und andere Feinde (Venedig, Frankreich?) betont wird, auch als diplomatischer Akt verstanden werden.

Ich habe keine Belege für eine materielle Notlage Isaacs in seinen späten Jahren finden können – eigentlich war er immer recht wohlsituiert –, aber im Mai 1514 ergingen Schreiben aus der Umgebung des Papstes an das Familienoberhaupt der Medici in Florenz, Lorenzo den Jüngeren, mit dem Ersuchen um eine Pension für Isaac. Diesem Ersuchen wurde stattgegeben. Im Herbst desselben Jahres reiste Isaac zu Maximilian nach Innsbruck, wohl um dort um Unterstützung zu bitten. Maximilian ließ daraufhin die eingestellten Zahlungen wieder aufnehmen.

Im Winter 1515/16 besuchte Leo X. Florenz. Zu diesem Anlaß wurden täglich polyphone Messen aufgeführt. Es kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, daß Isaac an der Gestaltung beteiligt war, ob komponierend, ausführend oder beratend. Genaues ist aber nicht bekannt.

Im Herbst 1516 erkrankte Isaac. Im Dezember machte er sein letztes Testament (das dritte), in dem er der Laienbruderschaft Santa Barbara, deren Mitglied er seit 1502 war, ein Vermögen hinterließ, das dem Viertel des Wertes seines Hauses entsprach. Er starb am 26. März 1507.