Alte Musik im Stift Seitenstetten

Biographien

Antoine Barbé

Antoine Barbé wurde um 1505 in Flandern geboren – Näheres zu Zeit und Ort ist nicht bekannt. Seit 1527 war er Kapellmeister an der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen und übte dieses Amt vermutlich bis 1562 aus.

Nach dem Tod seiner Frau wurde Antoine Priester; als Kapellmeister der Kathedrale gehörte er vermutlich bereist dem niederen Klerus an, so dass es kein so großer Schritt zur Priesterweihe war. Er feierte seine Primiz zusammen mit seinem ältesten Sohn am 11. November 1548.

Es sind nur wenige Werke von Barbé überliefert, Motetten, Chansons und eine Messel

Anfang Dezember 1564 ist Antoine Barbé in Antwerpen gestorben.

Barbé war verheiratet und hatte, soweit bekannt ist, eine Tochter, Jeanne, und drei Söhne, von denen der älteste, Jean, Priester wurde, der zweite, ebenfalls Antoine, wie der Vater Musiker (um das Aktenstudium noch etwas komplizierter zu machen: dieser Antoine der Jüngere hatte wiederum einen Sohn Antoine, der wie Vater und Großvater Musiker in Antwerpen war), vom dritten ist nur der Name Charles bekannt. Die Tochter heiratete den Komponisten Séverin Cornet (der seinen eigenen Eintrag in diesem Heft hat). Beider Tochter Anne wiederum heiratete ihren Cousin, einen Charles Barbé (nicht den dritten Sohn des alten Antoine, sondern möglicherweise einen Sohn des jüngeren Antoine. Für die Tochter der beiden, Anne – Kreativität bei der Namenswahl war anscheinend nicht familienüblich – übernahm der Komponist Cornelis Verdonck (der ebenfalls seinen eigenen Eintrag im Heft hat) die Taufpatenschaft. Was für ein Leckerli für Musikhistoriker und Genealogen!

Séverin Cornet

Séverin Cornet wurde um 1530 in Valenciennes an der Schelde, heute Nordfrankreich an der Grenze nach Belgien, geboren. In seiner Jugend soll er sich in Italien aufgehalten haben. Ab 1555 hatte er eine Stelle als Sänger in Antwerpen. Er heiratete Jeanne Barbé, die Tochter des Komponisten und Kapellmeisters an der Liebfrauenkathedrale Antoine Barbé. 1564 verließ er Antwerpen und wurde in Mecheln Magister cantus et choralium, d.h. er war Chorleiter und Musiklehrer der Chorknaben. Nach 8 Jahren kehrte er nach Antwerpen zurück und übernahm die Kapellmeisterstelle an der Liebfrauenkathedrale, deren bisheriger Inhaber, Gérard de Turnhout, an den Königshof nach Madrid berufen worden war.

1581 riefen Calvinisten die calvinistische Republik Antwerpen aus; katholische Gottesdienste in der Kathedrale fielen bis auf weiteres aus, weshalb man mit einem Kapellmeister nichts mehr anzufangen wusste. Cornet bemühte sich um eine Anstellung als Hofkapellmeister bei Erzherzog Ferdinand in Innsbruck, leider ohne Erfolg. So blieb er in Antwerpen, gab – mit Unterstützung verschiedener Mäzene – seine Werke heraus und unterrichtete u.a. Cornelis Verdonck.

Im März 1582 ist Séverin Cornet in Antwerpen gestorben.

Josquin Desprez

Josquin Desprez (eigentlich wohl Josse Lebloitte dit Des­prez – Josquin ist eine Verkleine­rungs­form von Josse –, andere Benennungen und Namensformen sind Josquin d’Ascanio, Josquinus Pratensis, Iodocus a Prato sowie diver­se Kombinationen daraus) wurde um 1450/55 in Nord­frankreich geboren, vermutlich in oder um Saint Quen­tin. Über seine Jugend ist nichts bekannt, außer daß 1466 sein Onkel Gille Lebloitte dit Desprez und seine Frau ein Testa­ment zu seinen Gunsten aufgesetzt hatten. Sämt­liche weiteren Aussagen stammen aus Quellen aus deutlich späterer Zeit und sind entsprechend wenig zu­ver­lässig. Etwa die, daß Josquin um 1460 Chorknabe in Saint Quentin wurde, oder daß er Schüler von Johannes Ockeghem war (den er allerdings tatsächlich kannte und bewunderte). Es kann als gesichert gel­ten, daß er zu Beginn der 1470er Jahre bereits ein berühmter Komponist war, denn er wird in der Motette „Omnium bonorum plena“ des etwas älteren Loyset Compère, die eine Fürbitte für eine Reihe bedeutender Komponisten enthält, unter diesen aufgeführt; diese Motette wurde ver­mut­lich für die Weihe der Kathedrale von Cambrai 1572 komponiert, auf jeden Fall aber nicht später als 1574, das Todesjahr von Guillaume Dufay, der die Reihe der Komponisten anführt.

Für die Jahre 1477 und 1478 ist Josquins Anstellung als Sänger in der Kapelle des Herzogs René von Anjou in Aix-en-Provence dokumentiert (was nicht ausschließt, daß er bereits in den Jahren vorher und über 1478 hinaus dort tätig war). 1480 starb René; der Staatsbesitz, zu dem auch die Kapelle gehörte, fiel als „Krondomäne“ an König Ludwig XI. und die Kapelle hatte sich an ihren neuen Dienstsitz Paris zu begeben. Vielleicht war Josquin dabei. Es gibt andererseits Hin­weise, daß er sich nach 1480 bereits in Italien im Dienst des späteren Kardinals Ascanio Sforza be­fand. Schließlich erwähnt ein Dokument aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, das die unga­ri­sche Hofkapelle zu jener Zeit beschreibt, unter ihren Mitgliedern sei auch Josquin gewesen.

1483 jedenfalls hielt er sich in Conde-sur-l’Escaut auf, unweit seines Geburtsortes an der Grenze zu Burgund (heute zu Belgien), um das Erbe seines Onkels anzutreten und die Ver­wal­tung des geerbten Grundbesitzes zu organisieren. Anschließend, im selben oder fol­gen­den Jahr, begab er sich definitiv in den Dienst von Ascanio Sforza in Mailand.

1489 wurde Josquin Mitglied der päpstlichen Kapelle, nachdem er möglicherweise dort be­reits seit 1586 „als Gast“ mitgewirkt hatte, und blieb es wohl bis 1495. Ein mittlerweile be­rühm­tes Graffito „Josquinus“, einer unter Hunderten an der Cantoria (Sängerkanzel) der Sixtinischen Kapelle verewigter Sängernamen, würde, wenn es von unserem Josquin stamm­te – wovon die Wissenschaft inzwischen ausgeht –, aus dieser Zeit stammen. Es ist, sofern nicht doch noch Gegenbelege auftauchen, das einzige „Autograph“ unseres Meisters.

Wie Josquin die Zeit nach der Anstellung bei der päpstlichen Kapelle verbracht hat, ist wieder mal unsicher. Daß er dem burgundischen König Philipp dem Schönen 1495 ein Exem­plar seines Stabat Mater zuschickte, legt die Vermutung nahe, daß den Noten die Bewerbung um eine Anstellung beilag. Falls dem so war, wurde diese Bewerbung wohl abschlägig beschieden, denn es spricht vieles dafür, daß Josquin einige Jahre Mitglied der Hofkapelle des französischen Königs Ludwig XII. war.

Während dieser Zeit, im Jahr 1497, starb der Hofkapellmeister des Herzogs Ercole I. d’Este in Ferrara. Der Herzog war wohl recht wählerisch, jedenfalls zog sich die Suche nach einem Nachfolger jahrelang hin. Schließlich gerieten auch Josquin und Heinrich Isaac ins Visier der Agenten, die einen neuen Kapellmeister auftun sollten. Einem dieser Agenten namens Gian de Artiganova verdanken wir das einzige Dokument über den Charakter Josquins. Als es letztlich darum ging, wer von diesen beiden Meistern die Anstellung bekommen sollte, schrieb Gian an den Herzog: „Mir scheint er [Isaac] gut geeignet, Euer Gnaden zu dienen, besser als Josquin, weil er zu seinen Musikern von liebenswürdigerem Wesen ist und öfter neue Werke komponieren will. Dass Josquin besser komponiert, ist richtig, aber er kom­po­niert, wenn er es will und nicht, wenn man es von ihm erwartet, und er verlangt 200 Du­ka­ten als Lohn, während Isaac für 120 kommen will …“ Josquin war der Beste und lebte nach der Maxime „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ . Trotz der Empfeh­lungen seines Agenten entschied sich der Herzog für Josquin. Im Juni 1503 erfolgte die erste üppige Gehaltszahlung an ihn. Aller­dings hielt es den Meister nur ein Drei­vier­tel­jahr in Ferrara, im Frühjahr 1504 floh er Hals über Kopf vor der Pest in die Heimat, nach Condé-sur-l’Escaut. Seinen Nachfolger als Kapellmeister, Jacob Obrecht, raffte die Krankheit im folgenden Jahr dahin.

In Condé-sur-l’Escaut wurde Josquin Propst an der Kirche Notre Dame; eine Stellung, die beträcht­lichen weltlichen und geistlichen Einfluß mit sich brachte, zumal die dortige Musik­aus­übung von hoher Qualität war. Diese Stellung behielt er 17 Jahre, bis zu seinem Tode, bei. Er starb am 27. August 1521. Der Kirche Notre Dame vermachte er ein Haus und Grundbesitz, u.a. unter der Auflage, daß bei Prozessionen durch die Stadt sein vermutlich letztes Werk, die Doppel­motette „Pater noster – Ave Maria“ vor seinem Haus am Marktplatz zu singen sei.

Ruggiero Giovannelli

Ruggiero Giovannelli wurde um 1565 in Velletri unweit Roms geboren. Möglicherweise war er Schüler Palestrinas, aber Belege dafür gibt es nicht. Nach verschiedenen Kapellmeistertätigkeiten wurde er 1594 als Nachfolger Palestrinas Kapellmeister der Cappella Giulia (Kapelle des Petersdoms) in Rom, ab 1599 Sänger und Kapellmeister der Cappella Sistina. Er lebte und arbeitete in Rom bis zu seinem Tod im Jahre 1625.

George de la Hèle

George de la Hèle wurde 1547 in Antwerpen geboren. Er könnte seine anfängliche musikalische Ausbildung an der Antwerpener Liebfrauenkathedrale bei Antoine Barbé genossen haben. Bereits 1560, mit 13 Jahren, kam er als Chorknabe nach Madrid an die Hofkapelle von König Philipp II. In diesem Dienstverhältnis blieb er für 10 Jahre, wobei er während der letzten Zeit an der Universität von Alcalá (unweit Madrids) eingeschrieben war – wohl, wie üblich bei begabten Chorknaben im Stimmbruch, mit königlichem Stipendium.

1570 kehrte er nach Flandern zurück, begann in Leuven ein Theologiestudium und erhielt die niederen Weihen; ob er das Studium abschloss, ist nicht bekannt. 1572 wurde er Kapellmeister an der Kathedrale St. Rombaut in Mecheln, vermutlich 1574 Kapellmeister an der Kathedrale Notre-Dame in Tournai – beides bedeutende Zentren des Musiklebens in Flandern. Dies waren sehr fruchtbare Jahre für sein kompositorisches Schaffen; das Hauptwerk seiner überlieferten Kompositionen, seine 8 Messen, erschienen 1578 bei Plantin.

1580 starb in Madrid der Kapellmeister der Capilla real, also der oberste Chef der Hofmusik, Gérard de Turnhout. König Philipp ernannte umgehend la Hèle zum Nachfolger. Die näheren zeitlichen Abläufe seines Dienstantritts sind nicht klar – bekannt ist, dass er die Gesamtleitung der Hofmusik erst 1582 übernahm und zwischendurch mit der Capilla flamenca, einer traditionell aus Flamen bestehenden Teilgruppierung der Hofkapelle, zu tun hatte.

Nach seiner Amtsübernahme hatte er eine sehr erfolgreiche Zeit. Er erweiterte das Repertoire der Kapelle, erhielt für seine Kompositionen viel Beifall und bekam vom König verschiedene ertragreiche Pfründen (praktischerweise ohne Residenzpflicht). Es ging ihm musikalisch und wirtschaftlich gut. Leider sind von ihm keine Werke aus dieser Zeit erhalten, weil bei einem Brand 1734 die Bibliothek der Capilla real vernichtet wurde und seine Kompositionen nur dort vorhanden waren.

Gesundheitlich sah es nicht so gut aus. Er war wohl öfter oder länger krank – es ist überliefert, dass er „während seiner letzten Krankheit“ heiratete (d.h. es gab vorher schon Erkrankungen) und infolgedessen seine Pfründe aufgab. Im Juni 1586 machte er sein Testament, und am 27. August desselben Jahres starb George de la Hèle 39-jährig in Madrid.

Claude le Jeune

Claude Le Jeune wurde zwischen 1528 und 1530 in Valenciennes geboren, damals Teil der spanischen Nie­derlande, heute Nordfrankreich an der belgischen Grenze, wenige Kilometer entfernt von Mons, dem (zu­künftigen) Geburtsort von Orlando di Lasso, sowie von Condé-sur-l’Escaut, wo Josquin seine letzten Jahre ver­brachte, und von Tournai, dem vermutlichen Geburts­ort von Pierre de la Rue (und vermutlich ebenfalls un­weit der Geburtsorte unzähli­ger weiterer flämischer Meister der Polyphonie – musikali­sche Gegend). Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt; es spricht sehr viel dafür, dass seine Familie der calvinisti­schen Reforma­tion anhing. Möglicherweise war er in jungen Jahren in Venedig und studierte bei Adrian Willaert.

Erstmals trat Le Jeune als Komponist 1552 mit 4 Chan­sons in Erscheinung, die bei Phalese in Leuven in einer Anthologie neben Werken von Clemens non Papa, Crec­quillon, Waelrant und anderen erschienen. Um 1564 ließ er sich in Paris nieder, verkehrte in intellektuellen Zir­keln und pflegte enge Beziehungen zum hugenottischen (d.h. calvinistischen) Adel. In die­sem Jahr brachte er sein erstes eigenständiges Werk heraus, die Dix Pseaumes de David en forme de motets avec un dialogue, zwei hugenottischen Adeligen gewidmet.

1570 gründeten unter der Schirmherrschaft von König Karl IX. der Dichter Jean-Antoine de Baïf und der Sänger und Komponist Joachim Thibault de Courville in Paris die Académie de poésie et de musique – eine humanistisch ausgerichtete Institution, die die Vereinigung von Dichtkunst und Musik anstrebte und die Wiederbelebung antiker poetischer Formen und Metren in der französischen Sprache zum Ziel hatte. Le Jeune schloss sich diesem Kreis bald an und wurde einer seiner wichtigsten Komponisten. Er arbeitete eng mit Baïf zusam­men und war bis zu des­sen Tod 1589 mit ihm befreundet, was insofern interessant ist, als Baïf ein glühender Katholik war und nach der Bartholomäusnacht, dem Massaker an den Hugenotten im August 1572, lobende und verherrlichende Gedichte auf die Mörder verfass­te. Wo wir gerade bei der Bartho­lomäusnacht sind – Le Jeune als Mitglied der Académie, die unter persönlichem Schutz des Königs stand, wurde in Ruhe gelassen, zumal er seine Kon­fession nicht groß raushängte. Da ging es ihm besser als dem großen, etwas älteren Kompo­nisten Claude Goudimel, der in Lyon vom katholischen Mob ermordet wurde.

Die zentrale Innovation, die aus dem Umfeld der Académie hervorging, war die musique mesurée à l’antique: ein Kompositionsmodell, bei dem der musikalische Rhythmus streng der Silbenquan­tität des französischen Verses folgte, analog zur griechischen und lateinischen Dichtung, die anders als etwa die deutsche das Versmaß nicht auf Betonungen anwendet, sondern auf Längen und Kürzen der Silben. Lange Silben wurden durch lange Notenwerte, kurze durch kurze wie­dergegeben – im Verhältnis 2:1, etwa eine Viertelnote für eine lange, eine Achtelnote für eine kurze Silbe. Da die metrische Anordnung der Verse unregelmäßig war, entstand ein musikali­scher Stil ohne regelmäßigen Takt, der dem modernen Ohr wie rasch wechselnde Taktarten er­scheint. Le Jeune war der früheste und bedeutendste Vertreter dieses Stils, erste Chansonettes mesurées erschienen 1583. Im übrigen führten die strengen Statuten der Académie, die die Veröf­fentlichung von Kompositionen nur ausnahmsweise ge­statteten, dazu, dass viele von Le Jeunes Werken in diesem Stil erst nach seinem Tod er­schienen.

Ein interessantes Detail zu der Académie ist, daß hier wohl zum ersten Mal Konzerte im heuti­gen Sinne stattfanden, d.h. man kam pünktlich bzw. blieb bei Zuspätkommen draußen, bis ein Stück vorüber war, man lauschte still, redete nicht und bemühte sich, die Musiker und anderen Zuhörer nicht zu stören.

In den nächsten Jahren war Le Jeune an verschiedenen Höfen als Musiklehrer tätig.

1589/90 erreichten die seit 1562 grassierenden Religionskriege zwischen den Hugenotten und den Katholiken ihren Höhepunkt. Paris wurde von den (gerade in einem Zweckbündnis verein­ten) Truppen des – gemäßigt katholischen – Königs Heinrich III. und seines – pro­testantischen – entfernten Cousins und Thronfolgers Heinrich von Navarra belagert. In der Stadt herrschte die Katholische Liga, man könnte auch sagen, der radikal-katholische Mob; was Le Jeune betrifft, war die anti-protestantische Stimmung so aufgeheizt, dass ihn wohl auch seine Mitgliedschaft in der Académie nicht gerettet hätte. Überdies war er, so wird be­richtet, als Verfasser von Schmäh­schriften gegen die Liga identifiziert worden. Kurz – sein Leben war in Paris keinen Pfifferling mehr wert, und er versuchte, aus der Stadt zu fliehen. Es wäre ihm vielleicht geglückt, un­erkannt aus dem Stadttor zu kommen; aber er hatte Manuskripte unveröffentlichter Werke dabei, darunter sein Dodécacorde, eine Sammlung von 12 Psalmvertonungen – in französischer Spra­che! Die Soldaten, die ihn durchsuchten, waren sich sicher: Sowas hatte kein guter Katholik bei sich. Das musste ketzerisches Materi­al sein, welches auf der Stelle verbrannt gehörte, und der Besitzer am besten gleich mit! Zum Glück tauchte ein katholischer Académie-Kollege auf, der Komponist Jacques Mau­duit; ihm gelang es, den Soldaten klarzumachen, dass das nur musiktheo­retisches Zeug sei, aber nichts Politisches oder Ketzerisches, und er erreichte tatsäch­lich, dass Le Jeune mit seinen Manuskripten passieren durfte und sich nach La Rochelle begeben konnte, wo die Hugenotten eine Hochburg hatten. Dort erschien 1598 das Dodécacorde im Druck.

Heinrich von Navarra (der protestantische Heerführer bei der Belagerung von Paris) war inzwi­schen als Heinrich IV. der erste protestantische König Frankreichs (und blieb auch der einzige), bekam aber das Land nicht in den Griff, bis er zum Katholizismus konvertierte – sein bei dieser Gelegenheit gesprochener Satz „Paris ist eine Messe wert“ ist bis heute be­kannt. 1598 gelang es ihm, mit dem Edikt von Nantes die Religionskriege zu beenden, indem den Protestanten gewisse Zugeständnisse gemacht wurden, aber gleichzeitig der Katholizis­mus als Staatsreligion festge­schrieben wurde.

In der Zeit 1594/1596 wurde Le Jeune vom König zum compositeur de la musique de la chambre du roy (Hofkomponist) ernannt; allerdings war es ihm wohl in der Zeit noch zu ris­kant, sich dauernd in Paris aufzuhalten, und er ließ sich von La Rochelle aus nur gelegent­lich dort sehen. Erst 1598, mit dem Edikt von Nantes, entspannte sich die Lage soweit, dass er wieder nach Paris übersiedeln konnte. Er übte das Amt des Hofkomponisten bis zu seinem Tod aus.

Im September 1600 starb Claude Le Jeune in Paris.

10 Jahre später wurde König Heinrich IV. von einem katholischen Eiferer ermordet.Im Oktober 1685 widerrief König Ludwig XIV. das Edikt von Nantes, beraubte die Prote­stanten aller Rechte und löste eine große Fluchtbewegung der Hugenotten aus Frankreich aus.

Orlando di Lasso

Orlando di Lasso (eigentlich Roland de Lassus) wurde um 1532 in Mons im Hennegau (heute Belgien, südwestlich von Brüssel) geboren. Als Kind war er Kapellknabe in seiner Hei­mat­stadt und erregte durch seine schöne Stimme die Auf­merk­samkeit von Anwerbern von adeligen Hö­fen, die das Land auf der Suche nach Nachwuchs für die Kapellen durchstreiften. Es wird be­rich­tet, dass er von solchen Agenten zweimal entführt wurde und von seinen Eltern zurück­geholt werden musste. 1544, also mit ungefähr 12 Jahren, trat er in den Dienst von Ferrante Gonzaga, Vizekönig von Sizilien, der zufällig in der Gegend war, und begleitete diesen auf seiner über ein Jahr währende Heimreise nach Palermo. Im folgenden Jahr wurde sein Dienstherr in Mailand zum Gouverneur ernannt und nahm seine Musiker natürlich mit dorthin. Als Orlando 1549 in den Stimmbruch kam, gab Ferrante ihn in die Obhut eines Bekannten in Neapel. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, er kam ganz schön rum in Italien und eignete sich um­fassende musikalische, sprachliche und allgemein „gesellschaftliche“ Kenntnisse vom Leben bei Hofe wie bei den einfachen Leuten an.

1553 wurde er Kapellmeister der Cappella Pia an der Lateranbasilika in Rom. Nicht schlecht für einen 21-Jährigen – Begabung oder Protektion? Vermutlich beides. Schon ein gutes Jahr später kündigte er allerdings wieder (sein Nachfolger war übrigens Giovanni Pierluigi da Palestrina), um sich in seine Heimat zu begeben, weil es seinen Eltern schlecht ging. Leider waren sie bei seiner Ankunft bereits verstorben.

Anschließend soll Orlando mit einem Freund Richtung England gereist sein, wo die große Hoch­zeit von Prinz Philipp von Spanien (dem zukünftigen König Philipp II.) mit Mary Tudor (der zukünftigen Königin Mary I.) unmittelbar bevorstand. Wahrscheinlich hat er den Freund nur bis zum Schiffsanleger gebracht und ist selber in Frankreich geblieben.

Nächste, wiederum gesicherte Station auf seinem Lebensweg war dann jedenfalls Antwerpen. Hierher kam er 1555, und hier hielt er es tatsächlich mal knapp zwei Jahre aus. Dies war eine Stadt nach dem Geschmack eines weltgewandten Musikers – hier kamen Leute aus aller Herren Län­der zusammen, darunter sicherlich haufenweise Fachkollegen und anderweitig interessante Kon­takte; und hier residierten renommierte Musikverleger, u.a. ein besonders renommierter namens Tielman Susato, mit dem Orlando alsbald in fruchtbare Geschäftsbeziehungen eintrat.

Die Zeit verging, und so schön es in Antwerpen auch war, vom Komponieren und Noten­verkaufen allein lebt es sich längst nicht so gut wie als Kapellmeister an einem Fürstenhof, und ein Musiker möchte auch gern mal wieder musizieren, bevorzugt mit einem ordentlichen En­sem­ble. Mit den Widmungen in seinen Ausgaben hoffte Orlando, dass sich einer der Adressaten (im allgemeinen einflussreiche Herrschaften aus dem näheren Umkreis von Königen, Herzögen etc.) bei seinem jeweiligen Herrn für ihn verwenden würde. Leider hatte er mit dieser Methode keinen Erfolg. Aber der Augsburger Kaufmann Johann Jakob Fugger wurde auf ihn aufmerksam und nutzte seine guten Verbindungen zum Hof des Herzogs Albrecht V. in München, um ihn dort­hin zu vermitteln; dort konnten sie wohl gerade einen Tenorsänger brauchen, und wie es der Zufall so wollte, war Orlando einer.

1556 trat er seine neue Stelle in München an. Der Herzog ließ sich seine „Neuerwerbung“ etwas kosten. Entweder sofort oder kurz nach der Einstellung lag Orlandos Salär über dem sei­ner Kollegen, sogar über dem des Kapellmeisters Ludwig Daser. Das gefiel diesem natürlich überhaupt nicht; er hatte ohnehin kein besonders gutes Verhältnis zu seinem Dienstherrn, da er mit dem Protestantismus sympathisierte, was der Herzog gar nicht gern sah. Und jetzt kriegte er auch noch diesen hochbezahlten Rockstar in die Kapelle gesetzt und wurde das Gefühl nicht los, der werde ihn allmählich aus dem Amt drängen. Daser wurde immer öfter krank, Orlando vertrat ihn immer öfter – ab 1562 hatte dieser faktisch, ab 1563 auch formal die Leitung der Kapelle inne. Daser verließ München und begab sich ins evangelische Stuttgart – und alsbald ging es ihm wieder besser und er lebte noch viele Jahre in schwäbischen Diensten.

Neben dem Komponieren, dem Unterricht für die Chorknaben und dem Abhalten von Proben mit der Kapelle gehörte zu Orlandos Pflichten auch das Herumreisen in Europa zwecks Ge­win­nung neuer Musiker. In den ersten Jahren fühlte er sich allerdings am Hof nicht besonders wohl, er soll sogar erwogen haben, sich anderswo nach einer Stelle umzutun. Die Arbeitsbedingungen waren trotz des großzügigen Salärs nicht ideal; der Herzog verlangte dauernd neue Kompo­si­tionen, betrachtete diese aber dann als sein ausschließliches Eigentum und erlaubte dem Kom­ponisten nicht, seine eigenen Werke drucken zu lassen. Aber im Laufe der Zeit verbesserte sich sein Verhältnis zu seinem Dienstherrn, insbesondere als er 1563 offiziell Dasers Nachfolger als Hof­kapellmeister wurde.

Ein besonderer Höhepunkt von Orlandos Wirken am Münchner Hof war im Jahr 1568 die Hoch­zeit von Herzog Albrechts Sohn Wilhelm mit Renata von Lothringen (um deren Hand der schwedische König Erik XIV. vergeblich angehalten hatte – die diplomatischen Verwicklungen in dieser Angelegenheit hatten seinerzeit Tielman Susato fast den Kopf gekostet; siehe seine Bio­gra­phie) – ein gigantisches Fest von zweieinhalb Wochen Dauer, bei dem der Kapellmeister alle Hän­de voll zu tun hatte und neben etlichen eigenen neuen Werken auch eine 24-stimmige Messe von Annibale Padovano, eine 40-stimmige Motette von Alessandro Striggio, ein Madrigal von Maddalena Casulana und andere Beiträge von außen aufzuführen hatte; seine Kapelle soll für das Fest auf über 70 Mann aufgestockt worden sein.

Bei Hofe befürchtete man immer wieder, der Star (und das war Orlando zweifellos) könne sich eines Tages doch mal nach einer neuen Stelle umschauen. Er hatte dank seiner verordneten Rei­se­tätigkeit Kontakte zu Höfen in ganz Europa, und sein Dienstherr – zuerst Albrecht, ab 1579 sein Sohn Wilhelm – sah es nicht gern, wenn mal wieder Briefe aus fernen Ländern für ihn kamen… Aber Orlando blieb dem Münchner Hof erhalten.

1591 erkrankte er (möglicherweise hatte er einen Schlaganfall), erholte sich aber wieder und nahm seine Kapellmeister-Tätigkeit wieder auf, obwohl ihm der Herzog angeboten hatte, in den Ruhestand zu gehen; vielleicht war ihm das Ruhestands-Gehalt zu niedrig. Es gab immer wieder finanziell bedingte Stellenstreichungen in der Hofkapelle. 1594 schließlich stand Orlando selber auf der Streichliste, kam der Entlassung aber zuvor: Nachdem er im Mai noch seine Bußtränen des Heiligen Petrus fertiggestellt hatte, starb er kurz darauf, am 14. Juni 1594.

Duarte Lobo

Duarte Lobo (latinisiert: Eduardus Lupus) wurde um 1565 vermutlich in Alcáçovas geboren. Seine Ausbildung erhielt er an der Kathedrale von Évora, unweit seines Geburtsortes – dort bekam er auch seine erste Anstellung als Kapellmeister. Vermutlich 1591 wechselte er an die Kathedrale von Lissabon; diese Kapellmeisterstelle galt als die angesehenste musikalische Stellung Portugals, Lobo muss also eine wirklich große Nummer gewesen sein. Das Kapellmeister-Amt übte er bis mindestens 1639 aus.

Interessant ist, dass sämtliche Werke Lobos in Antwerpen in der Officina Plantiniana gedruckt wurden. Nicht die nächstgelegene Druckerei, aber in Portugal gab es wohl zu der Zeit keine ähnlich guten Notendrucker. Und Lobo hatte offenbar genügend finanzkräftige Förderer, um sich den Aufwand leisten zu können.

Duarte Lobo starb am 24. September 1646 in Lissabon.

Giorgio Mainerio

Giorgio Mainerio wurde vermutlich zwischen 1530 und 1540 in Parma geboren. Mög­li­cher­weise stammte seine Familie aus Schottland. Er hatte wohl eine musikalische Ausbildung, strebte aber zunächst eine klerikale Laufbahn an. 1560 bewarb er sich – vergeblich – um eine Stelle als Kaplan und Altarist (eine Art „Schmalspur-Priester“) in Udine; er blieb nach der Absage für etwa 10 Jahre in Udine und erweiterte bei zwei örtlichen Kapellmeistern seine musi­ka­lischen Kenntnisse. In dieser Zeit bekam er Ärger mit der Inquisition; ihm wurden Be­schäf­ti­gung mit Astrologie, Magie und Geisterbeschwörung vorgeworfen. Eine formelle Verurteilung blieb zwar aus, doch der Vorfall überschattete seinen Ruf.

1570 wechselte er nach Aquileia, wo er an der Basilika als Altist und daneben als Geistlicher des Kapitels arbeitete. 1574 erschien in Venedig ein Band mit Magnificat-Kompositionen, 1578 dann sein heute bekanntestes Werk, die Tanzsammlung Il primo libro de balli. 1580 folgte noch eine weitere Sammlung von Magnificat-Vertonungen.

1582 starb Mainerio nach längerer Krankheit in Aquileia.

Luca Marenzio

Luca Marenzio wurde in Coccaglio in der Lombardei (unge­fähr zwischen Bergamo und Brescia) am 18. Oktober geboren, beim Jahr ist man unsicher zwischen 1553 und 1554. Vermut­lich war er Chorknabe im Dom zu Brescia.

Nach seiner Ausbildung stand er zunächst im Dienst mehrerer kirch­licher Würdenträger in Rom. Insbesondere seine letzte dor­tige Anstellung bei Kardinal Luigi d’Este, dem Bruder des Her­zogs von Ferrara, war seine erste große Blütezeit; er veröffent­lichte mehrere Madrigalbücher, die ihn über die Grenzen Ita­li­ens hinaus bekannt machten. Nach dem Tod des Kardinals muss­te sich Marenzio nach etwas Neuem umsehen. In Mantua hätte es, nachdem der dortige Herzog Guglielmo Gonzaga ge­stor­ben war und sein Sohn Vincenzo mit dem Kapellmeister Palla­vicino nicht sonderlich gut zurecht­kam, weshalb dieser den Job hinschmeißen wollte, eine interessan­te Stelle gegeben – aber leider blieb dann doch alles beim alten.

1588 bekam Marenzio eine Anstellung am Hof der Medici in Florenz. Ein Höhepunkt seiner Beschäftigung dort (und vielleicht auch der Musikgeschichte) war die Hochzeit von Ferdinando de‘ Medici und Christine von Lothringen 1589. Bei dieser überaus pom­pösen Feier wurde u.a. eine Komödie namens „La Pellegrina“ aufgeführt, ein wohl eher durch­schnittliches Bühnenwerk. Aber es diente auch eher nur als Vorwand, um zwischen den Akten sowie vor und nach dem Stück musi­kalische Intermedien (Zwischenstücke) aufzuführen. Diese Tra­dition entstand gegen Ende des 15. Jahr­hunderts und erreichte mit der Aufführung 1589 ihre Kul­mination. Der Auf­wand an Personal und Technik war ohnegleichen. Man kann sagen, dass die­se Intermedien einer der letzten Ent­wick­lungsschritte auf dem Weg zur Oper waren. Sechs Kom­poni­sten waren be­tei­ligt; zwei der Inter­medien stammten von Marenzio, der auch als Sänger teilnahm.

Nach dem triumphalen Erfolg der Intermedien verließ er den Dienst der Medici und ging wie­der nach Rom. Möglicherweise hatte der glückliche Bräutigam ihm die Adresse seines dort leben­den Neffen Virginio Orsini zugesteckt, der den Komponisten dann auch in seine Dienste und sein Haus nahm. Dafür widmete ihm Marenzio sein 5. Madrigalbuch. Weiter ging’s mit dem nächsten ein­flussreichen Neffen – ab 1593 war er dann bei Kardinal Cinzio Aldobrandini ange­stellt, dem Neffen des Papstes und einem großen Förderer der Wissenschaft und Kunst; in sei­nem Haus dürfte der Kom­ponist u.a. mit dem Dichter Torquato Tasso Bekanntschaft gemacht haben.

Marenzios Ruhm war in ganz Europa groß – er galt als DER Madrigalkomponist (allenfalls etwas später Gesualdo und noch etwas später Monteverdi spielten in der Rezeption ihres Schaf­fens in der­sel­ben Liga). Sein Stil beeinflusste zahlreiche junge oder nicht mehr ganz junge Kom­po­si­tions­talente von Monteverdi über Schütz und Hassler bis zu Weelkes und Dowland. Der Letzt­genannte begab sich 1595 sogar auf die lange Reise nach Rom, um bei Marenzio zu studieren; er kam aller­dings, soweit wir wissen, nur bis Norditalien und brach die Reise dann ab, lernte also den Meister nie persönlich kennen.

Gegen Ende desselben Jahres ging Marenzio auf Bitten seines Arbeitgebers und des Papstes nach Warschau und wurde am Hof des Königs Sigismund III. Wasa als Hofkapellmeister ange­stellt. Der König war bestrebt, die Kapelle zu vergrößern und besonders mit italienischen Musi­kern aufzu­wer­ten; der Papst wiederum wollte eine Liga der katholischen Staaten gegen die Tür­ken aufma­chen und war deshalb bestrebt, in Warschau gut Wetter zu machen. Marenzio kam an und mach­te, was man als Hofkapellmeister halt so macht, leitete die Kapelle und brachte sie auf Vordermann, komponierte Messen etc.

Leider tat das ungewohnte nordosteuropäische Klima Marenzios Gesundheit, um die es wohl gene­rell nicht zum Besten stand, nicht besonders gut. 1598 nahm er seinen Abschied in War­schau, reiste zunächst nach Venedig, gab dort sein achtes Madrigalbuch heraus und war 1599 wieder in Rom. Dort brachte er noch sein neuntes Madrigalbuch heraus – man erkennt, dass selbst sein stark angegriffener Gesundheitszustand seine Kreativität nicht schmälern konnte – und starb am 22. August desselben Jahres, etwa 45 Jahre alt.

Giovanni Pierluigi da Palestrina

Giovanni Pierluigi da Palestrina (eigentlich Giovanni Pierluigi, das „da Palestrina“ bezeich­net seinen Geburtsort) wurde wohl 1525 in Palestrina unweit Roms geboren. Vermutlich war er Chorknabe an der Basilica Santa Maria Maggiore in Rom und erhielt dort seine Ausbildung. Seine erste Anstellung hatte er 1544 in Palestrina an der Kathedrale San Agapito, wo er täglich den Chorgesang bei den Messen zu leiten, an Festtagen auch die Orgel zu spielen und Chorkna­ben Musikunterricht zu erteilen hatte. 1547 heiratete er in seiner Heimatstadt.

1551 wurde Giovanni Magister cantorum (Chorleiter) der Cappella Giulia (der Chor des Petersdoms für Got­tesdienste, denen nicht der Papst vorsteht). Die bei so einer Besetzung üblichen Prüfverfahren unterblieben bei seiner Einsetzung – da hatte wohl der Bischof von Pa­le­strina (der übrigens später Papst Julius III. wurde) seinen Einfluss geltend gemacht. Giovanni widmete die­sem Fürsprecher dann auch 1554 seine erste Ver­öf­fent­lichung Missarum liber primus. 1555 wurde er auf Ver­an­lassung desselben Fürsprechers und mittler­weile Papstes in den Chor der Sixtinischen Kapelle (der Chor, der entweder in dieser Kapelle oder auch im Petersdom dran ist, wenn der Papst zelebriert) aufge­nommen – wieder unbürokratisch auf dem „kurzen Dienstweg“. Leider starb der Papst noch im selben Jahr. Sein Nachfolger war Marcellus II.; sein Programm war geprägt von der Forderung nach einer schlichteren, disziplinierteren und geistlich glaubwürdigeren Kirche, wozu auch die Ver­ständlichkeit der Liturgie gehörte. Überliefert ist seine Forderung, die Sänger sollten „so singen, dass man hört und versteht, was gesagt wird“. Leider hatte er keine Gelegenheit, das Reform­programm umzusetzen, er starb an einem Schlaganfall nach 22 Tagen im Amt. Sein Name ist trotzdem den meisten Kundigen der Renaissancemusik geläufig dank der Messe, die Palestrina später ihm zu Ehren komponierte, die Missa Papae Marcelli, eine Messe zu 6 Stimmen, in der die Schlichtheit und Textverständlichkeit wichtigste Kompositionsprinzipien waren – der Titel ist nicht als Widmung zu verstehen, sondern im Sinne von „Eine Messe, wie sie Papst Marcellus sicherlich gefallen hätte“. Zu der Legende, mit dieser Messe sei die Kirchenmusik gerettet wor­den, kommen wir noch.

Marcellus’ Nachfolger, Paul IV. (durchaus ein Unsympath vor dem Herrn, dem die Welt neben anderem Schlechten im Kirchenstaat die Segregation der Juden in Ghettos und in der ganzen katholischen Welt den Index Librorum prohibitorum, den kirchlichen Index der verbotenen Bücher verdankt) fand es unzumutbar, im Gottesdienst von Laienvolk angesungen zu werden, und ver­fügte, dass die Mitglieder des Chors der Sixtinischen Kapelle allesamt Kleriker zu sein hätten; so­mit waren die drei verheirateten Sänger, unter ihnen Palestrina, Ende Juli 1555 draußen – im­merhin wurden sie mit einer lebenslangen Rente (von mutmaßlich überschaubarer Üppigkeit) abgefunden.

Im Herbst desselben Jahres übernahm Palestrina die Leitung des Chors der Lateranbasilika in Rom, nachdem die Stelle nach dem Weggang von Orlando di Lasso über ein Jahr unbesetzt ge­blieben war. Er blieb dort bis 1560 und wechselte dann an die Stätte seiner Ausbildung, Santa Maria Maggiore. Schön, dass es in Rom so viele Kirchenmusikerstellen gab – er musste schon wieder nicht umziehen.

In diese Zeit fiel die dritte Sitzungsperiode des Trienter Konzils, in der man sich auch mit der Kirchenmusik befasste. Aber es ging nicht ernstlich darum, nur noch Gregorianik zuzulassen; lediglich ausufernde Polyphonie, bei der der Text nicht mehr zu verstehen ist, und solche Obszö­nitäten wie Parodiemessen auf Melodien weltlicher Gassenhauer mochte man nicht mehr haben.

Eine Folge der Reformen nach dem Trienter Konzil war 1565 die Gründung des Seminario Ro­mano, einer Studieneinrichtung für Kleriker im Sinne der auf dem Konzil beschlossenen Refor­men. Da dort auch Liturgie unterrichtet wurde, brauchte man einen musikalischen Leiter. Ab 1566 war Palestrina der erste Inhaber dieser Stelle. In der Zeit der Gründung des Seminario, am 28. April 1565 fand im Hause eines Kardinals eine Anhörung statt, in der die päpstliche Kapelle neue Messvertonungen vorzutragen hatte, damit die Textverständlichkeit und somit die Über­einstimmung geprüft werden könne; unter diesen Messen könnte auch die Missa Papae Marcelli gesungen worden sein. Es ist dieses Treffen gewesen, um das sich ab dem frühen 17. Jahrhun­dert die Legende entspann, Palestrina habe mit seiner Messe die Kirchenmusik gerettet. Es gab wohl beim (seinerzeit schon längst beendeten) Konzil den einen oder anderen Scharfmacher, der die Figuralmusik gern verbannt gesehen hätte, aber es ist nie ein Beschluss in dieser Rich­tung ergangen.

Nur wenige Wochen nach der Anhörung bekam Palestrina vom Papst Pius IV., dem Nachfolger von Paul IV., den eigens für ihn geschaffenen Titel Modulator pontificus (päpstlicher Komponist) verliehen; damit ging auch eine regelmäßige finanzielle Zwendung einher. Ob die Verleihung mit der Anhörung zusammenhing oder die zeitliche Nähe Zufall war, ist nicht bekannt. Jedenfalls machte sie auf elegante Weise den Hinauswurf aus der päpstlichen Kapelle durch Paul IV. rück­gängig – Palestrina gehörte fortan als Komponist der Kapelle an, und nirgendwo stand, dass päpstliche Komponisten Kleriker sein und zölibatär leben mussten.

1568 bemühte sich der kaiserliche Hof in Wien, Palestrina als Nachfolger des verstorbenen Kapellmeisters Jacobus Vaet zu verpflichten. Die Verhandlungen scheiterten an des Meisters Gehaltsforderungen – er wusste um sein Renommée in ganz Europa – zur Freude von Philippe de Monte, der die Stelle dann bekam.

1571 wurde die Stelle des Magister cantorum der Cappella Giulia am Petersdom frei und Pale­strina übernahm sie erneut (nachdem er sie schon von 1551 bis 1555 innegehabt hatte). Neben dieser Arbeit als Chorleiter bekam er noch eine besondere Aufgabe: 1577 wurde er vom Papst – mittlerweile Gregor XIII. – zusammen mit dem Sänger Annibale Zoilo beauftragt, die gregoriani­schen Gesänge des Graduale Romanum, welche, so der Papst, „überquellen von Barbarismen, Dunkelheiten, Widersprüchlichkeiten und Überflüssigkeiten infolge der Ungeschicklichkeit, Nachlässigkeit oder gar Boshaftigkeit der Komponisten, Schreiber und Drucker“ durchzusehen und im Sinne der Forderungen des Trienter Konzils die Melodien ggf. so zu ändern, dass höch­ste Textverständlichkeit gewährleistet sei. Die beiden Musiker machten sich sofort an die Arbeit und schlossen sie im folgenden Jahr ab. Allerdings regte sich erheblicher Widerstand, der von König Philipp II. von Spanien, der gewisse liturgische Eigenheiten mancher spanischen Diö­zesen bewahrt sehen wollte, über Theologen, denen die Änderungen zu weit gingen, bis zu Kle­rikern reichte, die die Frage aufwarfen, woher das Geld für einen weltweiten Austausch des Gra­duale kommen sollte. Der Papst zog den Auftrag zurück, die Arbeit war für die Katz gewesen. Die Manuskripte gingen verloren. 1608 gab es einen neuen Reform-Anlauf, aber das gehört nicht hierher.

Palestrinas Zeit an der Cappella Giulia war geprägt von Schicksalsschlägen. 1572 und 1575 starben zwei seiner Söhne, 1573 sein Bruder, 1580 seine Frau und 1581 drei seiner Enkel­kinder. Er entschloss sich nach dem Tod seiner Frau, Priester zu werden und empfing die niede­ren Weihen und eine Pfründe. Aber dann überlegte er es sich doch anders und heiratete 1581 die wohlhabende Witwe des päpstlichen Pelzlieferanten.

Es folgte eine Zeit reger Kompositionstätigkeit neben der Chorleitertätigkeit an der Cappella Giulia. 1593 fasste er dann den Plan, in seine Heimat, nach Palestrina, zurückzukehren und dort an der Kathedrale San Agapito die vakante Kapellmeisterstelle zu übernehmen. Aber dazu kam es nicht – Anfang 1594 erkrankte er schwer, und am 2. Februar 1594 starb Giovanni Pierluigi da Palestrina in Rom.

Sein Nachfolger an der Cappella Giulia war übrigens Ruggiero Giovannelli.

Benedetto Pallavicino

Benedetto Pallavicino wurde 1550 oder 1551 in Cremona geboren. Seine musikalische Aus­bildung erhielt er vermutlich bei Marc’Antonio Ingegneri. Seine Laufbahn begann er als Organist an verschiedenen Kirchen in der Region Cremona. 1579 erschien sein erstes Madrigalbuch. Im selben Jahr trat er in den Dienst der Familie Gonzaga, zuerst in Sabbioneta unweit Mantua bei Vespasiano Gonzaga, dann ab 1583 am Mantuaner Hof von Herzog Guglielmo Gonzaga, einem sehr kunstsinnigen Mann, der selber komponierte und seine Kompositionen inkognito drucken ließ.

Es folgte eine Zeit guter Zusammenarbeit mit dem Hofkapellmeister Giaches de Wert und seinem Stellvertreter Giovanni Gastoldi. Pallavicino komponierte fleißig, mehrere Madrigalbücher er­schienen. 1587 starb der Herzog; mit dem Sohn und Nachfolger Vincenzo Gonzaga kam Palla­vi­cino nicht besonders gut klar – er soll ihm weniger bezahlt haben als den meisten anderen Hof­musikern. Pallavicino bewarb sich nach Verona, wurde dort jedoch nicht genommen und blieb in Mantua – zum Leidwesen übrigens von Luca Marenzio, der die Stelle gern gehabt hätte. Um den Jahreswechsel 1590/91 stieß übrigens ein junger ehrgeiziger Sänger und Gambenspieler namens Claudio Monteverdi zur Kapelle, wie Pallavicino aus Cremona und vermutlich vom sel­ben Meister, Ingeneri, ausgebildet.

1596 starb der Hofkapellmeister Giaches de Wert. Das Verhältnis zwischen Herzog Vincenzo und Pallavicino hatte sich wohl wieder normalisiert, und nachvollziehbarerweise wurde dieser in­zwischen altgediente Musiker zum Nachfolger ernannt – und nicht der junge Hüpfer Mon­te­verdi mit seinen modernen Ideen, der sich ebenfalls Hoffnungen gemacht hatte und nun schwer gekränkt war. Überhaupt konnten sich Pallavicino und Monteverdi nicht besonders gut leiden; Pallavicino vertrat musikalisch eine eher konservative Linie, während Monteverdi neue Vor­stel­lun­gen hatte (man kann sagen, Pallavicino machte Renaissancemusik, Monteverdi wollte Ba­rock­musik machen).

Benedetto Pallavicino starb unerwartet am Fieber am 26. November in Mantua.

Und endlich bekam Monteverdi die ersehnte Kapellmeisterstelle.

Pierre Phalese

Pierre Phalese – wohl jeder und jede, der bzw. die in einem Ensemble Renaissancemusik gemacht hat, kennt diesen Namen. Sein „Löwener Tanzbuch“ und „Antwerpener Tanzbuch“ gehören zum Standard-Repertoire. Sicherlich schon etwas weniger Leute wissen, dass es nach allem, was wir wissen, keine Komposition von Phalese gibt, sondern nur Ausgaben. Und bestimmt noch weniger Leuten ist bekannt, dass das „Löwener Tanzbuch“ von einem anderen Pierre Phalese herausgegeben wurde als das „Antwerpener Tanzbuch“ (Titel, nebenbei bemerkt, die diesen Sammlungen erst im 20. Jahrhundert gegeben wurden)…

Die Lösung liegt natürlich nahe – es handelt sich um Vater und Sohn. Kommen wir zuerst kurz zum Vater, der allerdings nicht direkt mit Antwerpen zu tun hat. Pieter van der Phaliesen alias Petrus Phalesius alias Pierre Phalèse, Sohn eines Bierbrauers, eröffnete in den 1540er Jahren in der Universitätsstadt Leuven eine Buchhandlung und einen Verlag, bald darauf begann er auch mit der Herstellung von Büchern, zuerst als Aufträge an andere Druckereien, später im eigenen Hause gedruckt. Unter seinen Druckwerken befanden sich auch Musikdrucke. 1552 erhielt er ein Druckprivileg für den Notendruck, das seine Produkte in gewissem Umfang vor Nachdrucken schützte und ihm Investitionssicherheit gab, wodurch größere Projekte überhaupt erst möglich wurden. Durch dieses Privileg entstand einer der bedeutendsten Musikverlage in Westeuropa (wobei Phalese der Ältere sich durchaus nicht komplett auf Musik spezialisierte, sondern weiterhin aus als Universitätsbuchhändler mit entsprechendem Verlagsportfolio tätig war).

In den 1570er Jahren begann Phalese eine Zusammenarbeit mit dem Antwerpener Buchhändler und Verleger Jean Bellère alias Jan Beellaert; die Musikdrucke erschienen fortan mit dem doppelten Verlegervermerk „Leuven, bei Pierre Phalese, und Antwerpen, bei Jean Bellère“.

Etwa 1573 starb Pierre Phalese der Ältere in Leuven. Seine Söhne Pierre der Jüngere (der, der uns eigentlich interessiert, geboren um 1550 in Leuven) und Cornelis übernahmen das Geschäft. 1581 verlegte Pierre die Firma nach Antwerpen, einem zunehmend bedeutenden Zentrum des Buch- und Musikdrucks; inwiefern Cornelis noch involviert war, ist nicht bekannt. Die Kooperation mit Bellère wurde weitergeführt, bis dieser 1595 starb. Die Firma florierte, war völlig auf Musik spezialisiert (im Gegensatz zum Leuvener Geschäft des Vaters) und erweiterte ihr Portfolio, wurde internationaler und realisierte größere Projekte – wie es sich anbietet, wenn man von einer Universitätsstadt in eine große Handelsmetropole mit verwöhnter internationaler Kundschaft wechselt.

Pierre Phalese der Jüngere starb 1629 in Antwerpen. Seine Töchter Marie und Madeleine führten das Geschäft weiter; die treibende Kraft war wohl Madeleine. Nach ihrem Tod 1652 ging es allmählich abwärts (wie auch die Bedeutung Antwerpens abnahm); der letzte bekannte Druck erschien 1675, um diese Zeit ist wohl auch Marie Phalese gestorben, und es endete die etwa 130-jährige Geschichte eines der erfolgreichsten Musikverlagshäuser des 16. – 17. Jahrhunderts.

Christophe Plantin

Christophe Plantin, niederländisch Christoffel Plantijn, lateinisch Christophorus Plantinus, wurde 1514 (nach anderen Angaben 1520) in Saint-Avertin bei Tours in Frankreich geboren. Nach einer Lehre in Caen in der Normandie ließ er sich 1549 in Antwerpen nieder und erwarb 1550 das Bürgerrecht. 1555 gründete er seine Druckerei, die er im Laufe der Zeit zu einer der größten des Abendlandes machte; sie gilt als erste industrielle Druckerei. Es gab bis zu 16 Druckpressen, mehr als 80 Leute arbeiteten hier. Neben dem Druckgeschäft arbeitete die Firma auch als Vertriebspartner für andere Hersteller, so wurde etwa die Weltkarte von Gerhard Mercator, 1569 in Duisburg erschienen, über Plantin verkauft.

1562 wurde Plantin angeklagt, eine ketzerische (soll wohl heißen: calvinistische) Schrift gedruckt zu haben, woraufhin er für ein Jahr nach Paris floh. Der Verdacht der Ketzerei wurde ausgeräumt, und er nahm – auch zum Beweis seiner Loyalität zur katholischen Kirche – mit Finanzierungs-Zusage des spanischen Königs Philipp II. ein gewaltiges Werk in Angriff, welches ihn beinahe ruinierte, die Biblia Polyglotta in 8 Bänden, die den Bibeltext parallel in den fünf Sprachen Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Altsyrisch und Chaldäisch enthält. Der Druck erforderte den Betrieb von 13 Druckerpressen mit 55 Männern, hinzu kamen Sprachgelehrte und Theologen zum Korrekturlesen. Das ganze Unternehmen dauerte von 1569 bis 1572, es wurden 1200 Papier- und 12 Pergament-Exemplare hergestellt.

Plantin machte seinen Verlag zu einem Treffpunkt für bedeutende Humanisten. 1570 erhielt er vom streng katholischen König Philipp II. und der Kirche das Monopol, alle liturgischen Bücher für Spanien, die Spanischen Niederlande und Spaniens Kolonien herstellen zu dürfen. Zugleich wurde Plantin offizieller Drucker der protestantischen niederländischen Generalstaaten. Man kann daraus schließen, dass er sich auch von religiösen oder politischen Erwägungen nicht von einem guten Geschäft abbringen ließ.

1583 ging Plantin wegen Kriegswirren als Universitätsdrucker nach Leiden; den Betrieb in Antwerpen überließ er vorläufig seinem Schwiegersohn Jan Moerentorf, der sich später Moretus nannte. 1585 übergab er die Druckerei in Leiden einem anderen Schwiegersohn, Frans van Ravelingen (latinisiert Franciscus Raphelengius), übrigens einem der gelehrten Korrektoren der Biblia Polyglotta, und wechselte nach Köln, 1589 kehrte er nach Antwerpen zurück. Am 1. Juli desselben Jahres starb er dort.

Die Zukunft der Firma hatte er geregelt. Die Zweigniederlassung in Leiden führte weiterhin Raphelengius, später übernahmen dessen Söhne das Geschäft; nach 1619 verlor der Betrieb an Bedeutung und verschwand. Die Antwerpener „Zentrale“ übernahm Jan Moretus; sie blieb im Besitz der Familie, bis Edward Moretus sie 1876 an die Stadt Antwerpen verkaufte, die ein Museum daraus machte. Das Plantin-Moretus-Museum gehört seit 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Notendrucke der Officina Plantiniana zeichnen sich durch eine außerordentliche Qualität und Schönheit aus – sie sind weit schöner und besser lesbar als etwa Drucke aus den Häusern Phalese oder Susato.

Im Jahr 1913 wurde auf der Basis einer Renaissance-Schrift, deren Drucktypen im Plantin-Moretus-Museum liegen, eine Schriftart namens Plantin entwickelt. Die Texte in diesem Buch sind in dieser Schriftart gesetzt.

Ippolito Sabino

Ippolito Sabino (auch Hippolito S.) wurde vermutlich in Lanciano in den Abruzzen (wenn man von Rom ostwärts geht, bis man wieder ans Meer kommt, landet man in der Gegend) geboren, als Geburtsjahr wird eine Zeit um 1540 angegeben; in seiner Familie gab es meh­rere Organisten und Orgelbauer. An der Kathedrale Santa Maria del Ponte in Lanciano gab es eine angesehene Kapelle – es ist anzunehmen, dass Ippolito hier eine musikalische Aus­bildung erhalten hat.

Für den Zeitraum 1550 bis 1551 ist in den Akten der Lateranbasilika in Rom ein Ippolito als Organist verzeichnet; es gibt in der Forschung die Tendenz (um es mal ganz vorsichtig aus­zudrücken), diesen Organisten als Ippolito Sabino zu identifizieren. Damit würde aber die An­nahme des Geburtsjahrs 1540 wackeln, denn es wäre zu bezweifeln, dass ein 10- bis 11-jähriger Junge diesem Amt gewachsen wäre, dass er z.B. mit den Füßen an alle Pedale heran­reich­te. Aber viel­leicht war Ippolito ja ein hochgewachsenes Wunderkind. Oder er war doch etwas früher geboren. Oder hinter dem Organisten Ippolito in den Akten verbarg sich jemand ande­res. Wieder mal müssen wir feststellen: Man weiß so wenig. Der Verfasser dieses Textes neigt der Variante des früheren Geburtsjahres zu.

Nichts ist bekannt über weitere Aufenthalte außerhalb seiner Heimat, also wird er wohl spä­te­stens nach dem Engagement an der Lateranbasilika überwiegend dortgeblieben sein. Er heirate­te, bekam 10 Kinder, von denen mindestens zwei ebenfalls Musiker wurden, und war wohl als Musiklehrer, Organist und Orgel-Experte tätig. Daneben, und das ist für uns das Wichtigste, war er sehr kreativ als Komponist. 1566 erschienen im 5. Madrigalbuch von Cipriano de Rore neben Stücken desselben und von Größen wie Willaert, Palestrina und Lasso auch zwei Madriga­le von Sabino.Sein erstes Madrigalbuch kam 1570 in Venedig heraus; die­sem folgten mindestens 5 Bücher mit geistlichen Werken und 9 Madrigalbücher, alle in Venedig herausgegeben, dazu etliche Stücke in Sammelwerken, u.a. in Antwerpen bei Pha­lese und Waelrant.

Man kann sagen, dass seine heutige relative Unbekanntheit nicht gerechtfertigt ist.

Ippolito Sabino starb am 25. August 1593 in Lanciano.

Tielman Susato

Tielman Susato wurde um 1515 geboren. Der Name Susato legt die Herkunft seiner Familie aus der westfälischen Stadt Soest nahe; er selber dürfte in oder in der Gegend von Köln geboren sein.

Erstmals taucht Susato in Akten des Jahres 1529 als Schreiber und Kopist für die Liebfrauen-Bruderschaft an der Liebfrauenkathedrale Antwerpen auf, ab 1531 auch als Posaunist bei der Bruderschaft und bei den Stadtpfeifern (stadsspeellieden). Aus der Tatsache, dass er mit ca. 16 Jahren schon bei den Profis mitspielte, können wir schließen, dass er in der Kindheit eine fundierte musikalische Ausbildung genossen hat – wir wissen aber nichts davon. Bei den Stadtpfeifern blieb Susato 18 Jahre, bis zum Jahr 1549, auch seine Beschäftigung bei der Bruderschaft endete wohl in diesem Jahr.

Mit finanzieller Hilfe der Stadt Antwerpen eröffnete er zusammen mit zwei Kompagnons eine Notendruckerei und brachte 1542 den ersten mit beweglichen Lettern erzeugten Antwerpener Musikdruck heraus (sein Name taucht in diesem Druck allerdings nicht auf). Im selben Jahr zahlte er den ersten Kompagnon aus, zwei Jahre später – nach längerem Rechtsstreit – den zweiten. Er erhielt ein erstes eigenes Druckprivileg.

Susato wurde sehr wohlhabend durch die Musikdruck- und Verlagstätigkeit. 1547 begann er, ein neues Haus zu bauen, das er Den cromhorn nannte und in dem ab 1551 seine Druckerei stand; daneben besaß er mindestens ein weiteres Haus in Antwerpen und neu trockengelegtes Land in Nordholland.

Im September 1549 zogen Kaiser Karl V. und sein Sohn Philipp (der spätere spanische König Philipp II.) feierlich in Antwerpen ein. Bei so hohem Besuch durfte es natürlich keine Panne geben – aber es gab anscheinend eine. Irgendeine in der Literatur nicht näher spezifizierte „Offense“ führte dazu, dass fast die gesamte Stadtpfeiferei, nach anderen Quellen die gesamte, entlassen wurde; später wurden einige der Entlassenen wieder eingestellt, aber Susato jedenfalls nicht. Man kann darüber spekulieren, ob in Hörweite der hohen Gäste lockere Sprüche geklopft wurden oder ob man reformatorisches Liedgut zum besten gegeben hatte – Susato selber zumindest war in jener Zeit wohl kein Calvinist, stand diesen aber (auch familiär) nahe; Karl und Philipp hatten mit den Reformatoren hingegen bekanntlich nichts am Hut bzw. an der Krone und verfügten naturgemäß auch über Mittel und Wege, dem Rat der Stadt ihre Weltsicht näherzubringen.

Schlimmer als der Rausschmiss bei den Stadtpfeifern war für Susato allerdings – wenn man mal vom Imageschaden absieht –, dass zu jener Zeit ein befristet erteiltes Druckprivileg ablief und er für die Publikation seines 11. Chansonbuches eine Verlängerung benötigte; nach dem Vorfall war die zuständige Behörde bis auf weiteres nicht gewillt, seinem Antrag zu entsprechen. Die Sache ging aber, möglicherweise durch Vermittlung einflussreicher Gönner, doch rasch gut aus, und beim im Oktober 1549 erschienenen 11. Chansonbuch prangt auf dem Titelblatt der stolze Hinweis „Avec Grace et Privilege“…

Susato setzte seine Verlagstätigkeit in Antwerpen bis ins Jahr 1561 fort; in diesem Jahr zog er nach Alkmaar in Nordholland und überließ das Antwerpener Geschäft seinem Sohn Jacob. Dieses starb allerdings bereits drei Jahre später; danach wurde der Betrieb in Antwerpen aufgelöst. Pressen und Drucktypen wurden verkauft und landeten teilweise in der Druckerei von Christophe Plantin. In Alkmaar druckte und verlegte Susato nichts mehr, sondern übte Tätigkeiten in der Stadt- und Kommunalverwaltung aus.

Susato hatte einen Schwiegersohn namens Arnold Rosenberger; dieser war Geschäftsmann und pflegte Handelsbeziehungen u.a. mit dem schwedischen Hof, ab 1555 war er auch offiziell als Diplomat für diesen tätig. Der schwedische Prinz Erik (ab 1560 König Erik XIV.) wollte politisch und kulturell näher an Westeuropa heranrücken und hoffte, durch entsprechende Heirat seinem Ziel näherzukommen; neben anderen machte er der englischen Prinzessin und späteren Königin Elisabeth, Maria Stuart und Renata von Lothringen Avancen. Für die Ehe-Anbahnungs-Verhandlungen am lothringischen Hof bediente sich König Erik auch der Dienste Arnold Rosenbergers; dieser wiederum spannte seinen Schwiegervater mit ein. 1566 fuhr Susato nach Schweden und hatte höchst sensible Dokumente über Verhandlungen mit dem lothringischen Hof bei sich. Als das Schiff unterwegs in dänische Gewässer abtrieb und zu befürchten war, dass die delikaten Papiere in dänische Hände fallen könnten – Dänemark befand sich mit Schweden im Kriegszustand –, warf er sie kurzerhand über Bord. Man kam glücklich und von dänischen Schiffen unbehelligt in Stockholm an, alles hätte gut sein können, doch der König, notorisch paranoid und zu jener Zeit bereits ausgeprägte Symptome von Wahnsinn zeigend, war not amused über den Verlust der Papiere. Susato hatte sich in zwei Prozessen vor Gericht zu verantworten, die Todesstrafe war eine realistische Option. Aber in beiden Fällen wurde er letztlich freigesprochen.

Susato blieb in Schweden. In einem Dokument von 1569 taucht er als Schreiber einer Urkunde auf. Der letzte Hinweis auf ihn stammt aus dem Jahr 1570. Es ist davon auszugehen, dass er in Schweden gestorben ist.

König Erik fand übrigens kein Gehör bei den Damen des westeuropäischen Hochadels.

Cornelis Verdonck

Cornelis Verdonck wurde 1563 in Turnhout geboren. Seine erste musikalische Ausbildung erhielt er wohl unter Kapellmeister Gérard de Turnhout an der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen. Er erwies sich anscheinend als so begabt, dass der Kapellmeister, als er 1572 an den Hof Philipps II. nach Madrid berufen wurde, ihn kurzerhand dorthin mitnahm.

Acht Jahre blieb Verdonck als Chorknabe in Madrid, dann schlug der Stimmbruch zu. Wie es vielen Chorknaben an königlichen Kapellen ging, wenn sie nur gut genug waren, so auch Verdonck: Er bekam eine königliche Empfehlung für die frisch gegründete Universität Douai (in Nordfrankreich, heute nahe der belgischen Grenze). Ob und wieviel er tatsächlich dort studierte, ist ungewiss – zu der Zeit wurde er Schüler von Séverin Cornet in Antwerpen. Die Beziehung von Cornet und Verdonck muss sehr eng gewesen sein; Cornet, der gerade an Ausgaben seiner Werke arbeitete, nahm auch Stücke von Verdonck in die Sammlungen auf. Drei Jahre nach Cornets Tod 1582 war Verdonck Taufpate der Enkelin von Cornet.

1584 kehrte Verdonck nach Madrid zurück und blieb dort bis zum Tod von König Philipp 1598 (abgesehen z.B. von der Reise zur Taufe von Cornets Enkelin 1585). Anschließend lebte er wieder in Antwerpen, wo er im Dienst verschiedener Würdenträger stand. Darüber hinaus trug eine Pfründe in Eindhoven zu seinem Lebensunterhalt bei.

Hubert Waelrant

Hubert Waelrant wurde um 1517 geboren, vermutlich in Tongerlo bei Antwerpen. Mög­li­cher­weise hielt er sich in seiner Jugend in Italien auf. 1531 war ein Hubertus Walraet an der Uni­ver­sität Leuven eingeschrieben – das könnte unser Mann gewesen sein. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Tatsache ist, dass er als einer der Ersten in den Niederlanden Madrigale auf italieni­sche Texte geschrieben hat. Belegt ist, dass er 1544 bis 1545 als Tenorsänger in Antwerpen an den Kapellen der Liebfrauenkathedrale und der Jakobskirche tätig war. Danach nahm er wohl eine frei­berufliche Tätigkeit als Musiker und Musiklehrer auf. Von 1553 bis 1556 unterrichtete er in Zusammenarbeit mit einem Musiker namens Gregorius de Coninck Knaben im Gesang.

Angeb­lich entwickelte er eine neue Methode der Solmisation (allerdings wird die Erfindung auch ande­ren Musikern zugeschrieben), bei der die Tonsilben ut, re, mi, fa, sol, la – das si gab’s noch nicht – durch die Silben bo, se, di, ga, lo, ma ersetzt und mit den zusätzlichen Silben ni und do der Hexachord zur Oktave erweitert wurde. Das ganze hieß dann natürlich nicht mehr Sol­mi­sation, sondern Bosedisation oder Voces belgicae. Die Idee wurde im Laufe der Zeit aufge­grif­fen, das Denken in Hexachorden verlor zugunsten der kompletten Oktave an Einfluss, man nahm das ni und machte daraus ein si (heutzutage oft ti).

Noch während seiner Zusammenarbeit mit Coninck, 1554, gründete Waelrant mit dem Drucker Jan (bzw. Jean) Laet zusammen einen Musikverlag. Die handwerklich-technische Arbeit über­nahm Laet, das Lektorat, die Zusammenstellung und der Vertrieb oblagen Waelrant. Die Drucke zeichnen sich durch sehr gute Lesbarkeit aus, was z.B. die präzise Positionierung von Textsilben und Akzidenzien betrifft. Der Verlag brachte sowohl geistliche als auch weltliche Musik heraus, darunter auch Werke von Waelrant selbst. Einmal geriet man auch in die Mühlen der spanischen Inquisition: Ein 1558 veröffentlichter Band mit 5-stimmigen Madrigalen wurde von den geist­lichen Herrschaften aus Spanien konfisziert, da einige Texte im Verdacht standen, pro­te­stan­tisches oder häretisches Gedankengut zu fördern.

Um diese Zeit herum endete wohl auch die Firma Waelrant & Laet. Letzterer machte allein wei­ter; nach seinem Tod 1566 oder 1567 führte seine Witwe das Geschäft. Waelrant arbeitete vermutlich als Musiker und Musiklehrer. Einzelne Werke von ihm erschienen in Sammlungen bei Phalese. 1585 kam bei Phalese die von Waelrant herausgegebene Madrigalsammlung Sym­pho­nia angelica her­aus mit 55 4- bis 6-stimmigen Madrigalen überwiegend italienischer Kom­po­nisten, aber auch zweien von Cornelis Verdonck und fünfen von ihm selbst. Die Sammlung war ein großer Er­folg und wurde bis 1629 mehrmals nachgedruckt.

Dessenungeachtet war Waelrant in seinen älteren Tagen finanziell in erheblichen Schwie­rig­kei­ten. Seine Schulden und Mietrückstände brachten ihn mehrmals vor Gericht.

Verarmt starb Hubert Waelrant am 19. November 1595 in Antwerpen.