{"id":341,"date":"2016-07-01T17:58:29","date_gmt":"2016-07-01T15:58:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/?page_id=341"},"modified":"2026-07-16T22:05:50","modified_gmt":"2026-07-16T20:05:50","slug":"notation","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/notation\/","title":{"rendered":"Musiknotation"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts all dieser Instrumente stellt sich die Frage, woher ihre Besitzer wussten, welche T\u00f6ne sie ihnen zu entlocken hatten. Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1.<\/strong> Sie spielten <strong>auswendig<\/strong>. Die mittelalterlichen Spielleute waren Virtuosen auf ihren Instrumenten, nur eines konnten sie h\u00e4ufig nicht, n\u00e4mlich lesen. Dar\u00fcber hinaus war der Beschreibstoff unbezahlbar. Und warum sollten sie, meist fahrende Musikanten, sich au\u00dfer mit ihren Instrumenten auch noch mit Noten beschweren, wenn man das Repertoire im Kopf mit sich herumtragen konnte? Und letztlich bestand die Musikaus\u00fcbung zu einem gro\u00dfen Teil aus Improvisation, die sich nicht wirklich schriftlich fixieren lie\u00df. Es ist f\u00fcr uns heut\u00adzu\u00adtage ein gro\u00dfer Gl\u00fccksfall, dass es im 13. Jahrhundert gelehrte \u201eWirrk\u00f6pfe\u201c gab, die die ver\u00adr\u00fcckte Idee hatten, wenigstens in Ans\u00e4tzen die Musik der Spielleute aufzuschreiben&#8230; Auch in der Renaissance, als das Aufschreiben von Musik allm\u00e4hlich zum Normalfall wurde, blieb f\u00fcr den Spielmann und den b\u00fcrgerlichen Musiker das Problem bestehen, dass die Noten sehr teuer waren; aber seine L\u00f6sung war einfach \u2013 Auswendiglernen kostete nichts au\u00dfer Zeit, und davon hatte man reichlich&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2.<\/strong> Sie spielten <strong>nach Noten<\/strong>. Wer sie lesen und sich leisten konnte, dem standen Noten zur Verf\u00fcgung, die mit fortschreitender Renaissance den heutigen Noten immer \u00e4hnlicher wurden. Seit der ersten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts verwendete man die sog. Wei\u00dfe Mensural\u00adnotation, den unmittelbaren Vorl\u00e4ufer der modernen Notenschrift. Sie zu lesen erfordert allerdings f\u00fcr den heutigen Musiker doch gewisse \u00dcbung, denn erstens war der Taktstrich noch nicht erfunden, zweitens gab es viel mehr verschiedene Notenschl\u00fcssel, drittens war nicht wie heute das L\u00e4ngenverh\u00e4ltnis von einer Note zur n\u00e4chst-k\u00fcrzeren und \u00fcbern\u00e4chst-k\u00fcrzeren immer 4:2:1, sondern es konnte je nach Vorzeichnung auch 6:3:1, 6:2:1 oder 9:3:1 sein. Aber immerhin hatte man hier schon das Grundprinzip der Notenschrift, eine abstrakte, also nicht instrumentenbezogene Fixierung der Tonh\u00f6he und der L\u00e4ngen\u00adver\u00adh\u00e4ltnisse. S\u00e4nger und viele Spieler einstimmiger Instrumente waren zufrieden (wobei es durchaus die Idee z.B. von Fl\u00f6tentabulaturen gab, wie wir u.a. von Martin Agricola wissen, der in seiner <em>Musica Instrumentalis Deudsch<\/em> erkl\u00e4rt, dass er davon nichts h\u00e4lt).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>3.<\/strong> Sie spielten <strong>nach Tabulaturen<\/strong>. Die Spieler mehrstimmiger Instrumente wie Orgeln und Lauten hatten an der Notenschrift nicht viel Freude. Partituren gab es nicht, sie w\u00e4ren auch m\u00fchsam zu lesen; mehrere Stimmen in ein System zu drucken, w\u00e4re beim Stand der da\u00admaligen Drucktechnik recht kompliziert und damit teuer und au\u00dferdem sehr un\u00fcbersichtlich geworden. Im Falle der Orgeln behalf man sich zumindest in Deutschland mit einer Mischung aus Noten und Tonbuchstaben, sp\u00e4ter nur noch mit Rhythmuszeichen und Tonbuchstaben. Die L\u00f6sung f\u00fcr die Lautenisten bestand darin, anstatt der Noten (=Tonh\u00f6hen) die Griffe f\u00fcr das Instrument aufzuschreiben. Eine fundamental andere Herangehensweise: Anstatt der abstrakten Notation, bei dem es dem Spieler \u00fcberlassen bleibt, wie (d.h. mit welchem Griff \u2013 aber letztlich auch, auf welchem Instrument \u00fcber\u00adhaupt) er den angegebenen Ton hervorbringt, hat man hier eine sehr kompakte, aber mehr oder weniger exakt auf ein Instrument zugeschnittene Spielanweisung. Hinzu kommt, dass es zeitlich und regional unterschiedliche Tabulatursysteme gab, die au\u00dfer dem Prinzip nicht viel mit\u00adein\u00adander zu tun hatten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Beispiele f\u00fcr Tabulaturen:<\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Orgeltabulatur<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der sog. <strong>alten deutschen Orgeltabulatur<\/strong> wird die oberste Stimme in einem 6- oder 7-Linien-System in ansonsten einigerma\u00dfen \u201enormal\u201c aussehenden Noten geschrieben; die linke Hand und das Pedal in Tonbuch\u00adsta\u00adben darunter (die T-f\u00f6rmigen Zeichen sind Pau\u00adsen).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\n\n\n\u00dcberraschenderweise hat die sog. <strong>neue deut\u00adsche Orgeltabulatur<\/strong> die Verwen\u00addung von Noten in der Oberstimme zu\u00adgun\u00adsten von Tonbuchstaben auf\u00adge\u00adge\u00adben.\n\n<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/neue_orgeltabulatur-ausschnitt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"762\" height=\"190\" data-id=\"625\" src=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/neue_orgeltabulatur-ausschnitt.jpg\" alt=\"Neust\u00e4dter Orgeltabulatur (Ausschnitt)\" class=\"wp-image-625\" srcset=\"http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/neue_orgeltabulatur-ausschnitt.jpg 762w, http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/neue_orgeltabulatur-ausschnitt-300x75.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Neue deutsche Orgeltabulatur: Neust\u00e4dter Orgeltabulatur, um 1650 (Ausschnitt)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/orgeltabulatur_schlick-salve-facsimile-ausschnitt.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"762\" height=\"320\" data-id=\"628\" src=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/orgeltabulatur_schlick-salve-facsimile-ausschnitt.png\" alt=\"Alte deutsche Orgeltabulatur: Arnolt Schlick, Salve Regina (Ausschnitt)\" class=\"wp-image-628\" srcset=\"http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/orgeltabulatur_schlick-salve-facsimile-ausschnitt.png 762w, http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/orgeltabulatur_schlick-salve-facsimile-ausschnitt-300x126.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Alte deutsche Orgeltabulatur: Arnolt Schlick (ca. 1455 \u2013 ca. 1521), Salve Regina (Ausschnitt).<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Lautentabulatur<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wichtigsten Arten sind die <strong>franz\u00f6sische<\/strong> und die <strong>italienische Lautentabulatur<\/strong>. Hier ist das Prinzip eigentlich gleich, aber in der Realisierung werden unterschiedliche Wege gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Prinzip ist folgendes: Es gibt ein 6-Linien-System (in der franz\u00f6sischen urspr\u00fcnglich ein 5-Linien-System, erst Ende des 16. Jahrhunderts ging man zum 6-Linien-System \u00fcber), das die&nbsp;obersten Saiten bzw. Ch\u00f6re (Doppelsaiten) der Laute darstellt. Auf diesem System wird notiert, welcher Bund auf welchem Chor gegriffen wird. \u00dcber diesem System stehen Rhythmuszeichen. Aber jetzt kommen die Hauptunterschiede: Die Griffe in der <strong>italienischen<\/strong> Tabulatur werden mit <strong>Ziffern<\/strong> bezeichnet (0 f\u00fcr leere Saite, 1 f\u00fcr 1. Bund usw.), die der <strong>franz\u00f6sischen<\/strong> durch <strong>Buchstaben<\/strong> (a f\u00fcr leere Saite, b f\u00fcr 1. Bund, anstatt des c f\u00fcr den 2. Bund wird oft r geschrieben, wohl wegen der Verwechselungsgefahr des c mit dem e). Bei der franz\u00f6sischen Tabulatur entspricht die <strong>oberste Linie<\/strong> der <strong>obersten Saite<\/strong> \u2013 so weit, so logisch. Bei der italienischen entspricht die <strong>unterste Linie<\/strong> der <strong>obersten Saite<\/strong>, was erst einmal befremdlich erscheint, bis man sich vorstellt, wie die Laute gehalten wurde: In normaler Haltung ist die am weitesten unten befindliche Saite die h\u00f6chste (wer eine Gitarre o.dgl. zur Hand hat, kann es ausprobieren); insofern erweist sich die italienische Tabulatur als durchaus lebensnah.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/franz_tabulatur_earleofessexgalliard.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"762\" height=\"372\" data-id=\"634\" src=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/franz_tabulatur_earleofessexgalliard.png\" alt=\"Franz\u00f6ische Lautentabulatur\" class=\"wp-image-634\" srcset=\"http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/franz_tabulatur_earleofessexgalliard.png 762w, http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/franz_tabulatur_earleofessexgalliard-300x146.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Franz\u00f6sische Lautentabulatur: John Dowland, Earle of Essex his Galiard, gedruckt in London 1610<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/ital_lautentabulatur_spinacino_ricercare-ausschnitt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"762\" height=\"160\" data-id=\"622\" src=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/ital_lautentabulatur_spinacino_ricercare-ausschnitt.jpg\" alt=\"Italienische Lautentabulatur (Ausschnitt)\" class=\"wp-image-622\" srcset=\"http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/ital_lautentabulatur_spinacino_ricercare-ausschnitt.jpg 762w, http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/ital_lautentabulatur_spinacino_ricercare-ausschnitt-300x63.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Italienische Lautentabulatur: Francesco Spinacino, Ricercare. Druck von Ottaviano Petrucci, dem Pionier des Notendrucks, Venedig, 1507<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Gambentabulatur<\/h5>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/gambentabulatur-ausschnitt.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"61\" src=\"http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/gambentabulatur-ausschnitt-300x61.png\" alt=\"Gambentabulatur (Ausschnitt)\" class=\"wp-image-614\" srcset=\"http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/gambentabulatur-ausschnitt-300x61.png 300w, http:\/\/www.cronopio.de\/instrumentenausstellung\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/gambentabulatur-ausschnitt.png 610w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gambentabulatur: Anonym, Serenata, Manuskript von 1690 (Ausschnitt).<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Barock gab es auch f\u00fcr Gamben eine Tabulaturnotation. Diese entsprach weitestgehend der franz\u00f6sischen Lautentabulatur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts all dieser Instrumente stellt sich die Frage, woher ihre Besitzer wussten, welche T\u00f6ne sie ihnen zu entlocken hatten. Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. 1. Sie spielten auswendig. Die mittelalterlichen Spielleute waren Virtuosen auf ihren Instrumenten, nur eines konnten sie h\u00e4ufig nicht, n\u00e4mlich lesen. 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